Mein Kurzreferat - Podium Schweizer Astrologenbund 2019

 

Die Macht der Form

 

Ein Thema welches mich nun schon länger beschäftigt und dem ich seit vergangenem Jahr auch mehrfach, auf verschiedene Art und Weise begegnet bin, ist die Macht der Form.

 

Was genau ist eigentlich eine Form? Diese Definition ist äusserst vielfältig; eine Form kann sich auf ein äusseres Erscheinungsbild beziehen, die sicht- und greifbaren Konturen, sie kann auch eine immaterielle sein, wie bei Verträgen, die in konkret vorgegebenen, inhaltlichen Formen festgehalten werden müssen. Formen sind in der Regel dazu da, um mit bestimmten, meist jedoch subjektiven Inhalten gefüllt und verknüpft zu werden. Oftmals erkennt man daher auch einen Inhalt und dessen Bedeutung erst nach einer gewissen Zeit.

 

Die Fähigkeit, Formen zu erschaffen und zu bewahren oder entsprechend hinter diese vordergründigen Strukturen blicken zu können, findet sich unter anderem im Stier- und Skorpion-Prinzip wieder. Betrachtet man nun diese Achse des Tierkreises als eine Art Sinnbild für das Zusammenspiel, zwischen der konkreten Form und ihrem jeweiligen, subjektiven Inhalt, verdeutlicht sie die innere Beeinflussung der äusseren Wahrnehmung.

 

Die Sonne befindet sich seit einigen Wochen wieder im Stier-Zeichen und während der warmen Frühlingstage, kann man dieses kraftvoll ruhende Prinzip der Natur, in seiner gesamten Schönheit und Fülle betrachten. Das nun endgültig wieder zum Leben erwachte Grün und die Blumen, laden nach dem Winter zum ruhen und geniessen im Freien ein. Es sind diese kleinen Momente, die man am liebsten noch ein wenig festhalten würde oder die Erinnerungen daran, die man bewahren möchte.

 

Auch in seiner psychologischen Dynamik trägt das Stier-Zeichen etwas sehr bewahrendes in sich. Man bewahrt in der Regel, was individuell gesehen als wertvoll erscheint oder etwas das sich bewährt hat. Die eigenen Wert-Systeme und die dazugehörigen Massstäbe, der Selbstwert und die Bewertung einer Form, beeinflussen die eigene Wahrnehmung insofern, als das hierbei stets eine äussere Form, durch innerlich automatisierte Mechanismen beurteilt wird.

 

Im Laufe des Lebens bildet sich bei jedem Menschen ein individuelles Wert-System, im Idealfall eines, welches mehrheitlich auf seinen eigenen Werten und Massstäben beruht. Traditionelle oder familiäre Systeme können die eigenen Werte anfänglich beeinflussen, wodurch zu diesen eine Art der Bindung und teilweise auch der Abhängigkeit aufgebaut werden kann. Hier wird eine andere Thematik des Stier-Zeichens sichtbar, die des eigenen Raumes und der Abgrenzung. Denn auch in gemeinsamen oder familiären Systemen, besitzt man idealerweise einen sicheren Eigen-Raum, in welchem man die eigenen Werte unabhängig von den anderen für sich selbst bewahren kann.

 

Venus als Herrscherin des Stier-Zeichens, unterstreicht hierbei die Bedeutung der eigenen Bewertung einer Form jeglicher Art. Gefärbt durch ihre jeweilige Horoskop-Stellung, bewertet sie individuell ob eine Form nun gefällt oder nicht gefällt. Sie ist das Prinzip der Sympathie und Antipathie, das passive Selektionsprinzip, welches nicht auf einer rationalen Ebene stattfindet.

 

Wenn man sich nun im alltäglichen Leben, also in der umgebenden Form bewegt, bewertet das Venus-Prinzip die äusseren Formen nach den eigenen, inneren Wert-Systemen und den dazugehörigen Inhalten. Ohne dieses teilweise oberflächliche Selektionsprinzip, wäre man mit den unzähligen Eindrücken überfordert. Dieser automatisierte Mechanismus kann jedoch dazu führen, dass der eigentliche Inhalt einer Form oftmals zweitrangig wird. Vermutlich weil einerseits im Alltag meist die notwendige Zeit und Lust fehlt, um sich mit dem Inhalt einer Form zu befassen, die einem nicht gefällt und andererseits, weil auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und den dazugehörigen, oftmals in sich selbst geschlossenen Systemen und deren Inhalten, nicht immer leicht fällt.

 

Das Zusammenspiel zwischen der Form und ihrem jeweiligen Inhalt wird auch insofern sichtbar, wenn man den Gegenpol des Stiers, das Skorpion-Zeichen betrachtet. Im November fallen die Blätter mit einer solch selbstverständlichen Leichtigkeit von den Bäumen wie sie im Frühling gewachsen sind. Das Licht wird weniger und der Zersetzungsprozess schreitet unaufhaltsam voran. Wenn man die Natur jetzt betrachtet, ist der Gedanke an genau diesen, im Innersten der Pflanze verborgenen Inhalt, weit entfernt.

 

Wenn man das Skorpion-Zeichen nun psychologisch betrachtet, findet man unter anderem den gänzlich authentischen Inhalt einer Form, den nach aussen nicht immer sichtbaren Kern und dessen eigentlichen Wert. Die Fähigkeit, instinktiv hinter die vordergründigen Formen blicken zu können, löst nicht selten auch innere, teilweise scheinbar ausweglose oder zerstörerische Kämpfe aus, wenn die eigenen, inneren Bewertungen einer äusseren Form, mit ihrem tatsächlichen Inhalt kollidieren. Solche Konfrontationen können auch zu tieferen Auseinandersetzungen mit den eigenen, manchmal auch vor sich selbst verborgenen Anteilen führen.

 

Viele natürliche jedoch nicht Zivilisationstaugliche Inhalte des menschlichen Wesens sprengen die geltenden Wert-Systeme, wodurch diese oftmals unterdrückt werden müssen. Mars als alter Herrscher des Skorpion-Zeichens, unterstreicht diese durch Instinkt geprägten Bereiche sowie die Thematik der absoluten, leidenschaftlichen Kampf- und Einsatzbereitschaft, welche nicht selten auch notwendig wird, um eine bereits überholte Form aufrechtzuerhalten oder die, nach den individuell geltenden Wert-Systemen, als schlecht abgewerteten Inhalte im psychologischen Keller oder in der Projektion zu halten.

 

Das Gefühl der Wut sowie weitere, eher negativ bewertete Emotionen wie Hass oder Eifersucht, sollten nach den gängigen, traditionell geltenden Wertmassstäben unterdrückt oder bestenfalls kultiviert werden. Diese Tatsache führt meist zu einem Zwiespalt, einerseits möchte man nicht auf offener Strasse mit fremden Aggressionen konfrontiert werden, andererseits erscheint es äusserst widersprüchlich, Instinkte kultivieren zu wollen, denn dazu sind sie nicht da. Die Natur der Instinkte und ihre Kraft liegt im Unbewussten und Verborgenen, in der Wut oftmals auch der notwendige Impuls zu einer bewussten Veränderung.

 

Gemeinsame oder traditionelle Werte und Systeme verleihen ein vorübergehendes Gefühl der Sicherheit. Sobald es jedoch zu einer Konfrontation zwischen dem eigenen, tiefer liegenden, ev. auch unterdrückten Inhalt und einem traditionellen Glaubenssatz eines bewährten Systems kommt, könnte man geneigt sein, diesen Konflikt auf eine äussere Form zu verlagern.

 

Mythologisch betrachtet, begegnen sich in dieser Achse des Tierkreises Venus, die Göttin der Schönheit auf der einen und Mars, der Gott des Massakers zusammen mit Pluto, dem Herr der Unterwelt auf der anderen Seite. Diese urarchaisch symbolische Gegenüberstellung der beteiligten Prinzipien lässt erahnen, welch enorme Energien und Kräfte, das äusserlich meist friedlich ruhende Stier-Zeichen wirklich in sich trägt.

 

Pluto als geistiges Prinzip und neuer Herrscher des Skorpion-Zeichens, öffnet eine tieferliegende Ebene. Beinahe unmerklich jedoch gleichermassen unaufhaltsam und stetig, wandelt und transformiert Pluto den Inhalt und somit auch die Form, aus ihrem tiefsten und innersten Kern heraus. Venus als Prinzip der ästhetischen Form- und Formgebung symbolisiert das persönliche Werkzeug, um einem Inhalt eine konkrete Form verleihen zu können. Ein Inhalt kann sich in unzählig verschiedenen Formen manifestieren, genauso wie ein und dieselbe Form, unzählige Inhalte in sich tragen kann, welche auf den ersten Blick nicht immer ersichtlich sein müssen.

 

Nicht jede Form kann jeden Inhalt halten und nicht jeder Inhalt ist für jede Form geschaffen. Durch Pluto erschafft sich der tiefer liegende, gänzlich authentische Inhalt die notwendige Form manchmal auch selbst, was zu massiven Auseinandersetzungen oder Grenzerfahrungen jeglicher Art führen kann. Die Macht der Form liegt in der Suggestion dessen, dass man davon ausgeht, in den umgebenden Formen einen konkreten Inhalt sehen zu können, man in der Regel jedoch meist das sieht, was es gemäss den eigenen oder traditionellen Werten verkörpert oder gemäss diesen, in dieser Form zu verkörpern hat. Man bewertet die eigene Umgebung somit nach einer inneren Definition einer äusseren Form. Wenn sich nun der eigene Inhalt verändert, verändert sich dadurch oftmals auch die eigene Bewertung und somit auch die Wahrnehmung einer Form.

 

Geht man davon aus, dass das menschliche Wesen oder die Psyche aus mehreren Inhalten, Anteilen oder Schichten besteht, könnte man auch davon ausgehen, dass jeder dieser Anteile ein gänzlich eigenes, teilweise vom Rest unabhängiges Wert-System mitbringen könnte. Durch diese immense innere Vielfalt könnte auch die Bewertung ein und derselben Form immer wieder gänzlich anders ausfallen oder sich teilweise auf den ersten Blick widersprechen.

 

Im Alltag geht man durch das automatisierte Selektionsprinzip davon aus, dass das was man sieht, auch dem entspricht, wofür man es hält und oftmals ist dem natürlich auch so. Ein Apfel ist meist wirklich nur ein Apfel, eine andere Frage ist, ob man Äpfel mag oder nicht. Gemäss den eigenen Mechanismen reagiert man auf etwas das gefällt oder eben nicht gefällt. Auch die eigene Erscheinungs-Form wird oftmals stark durch die eigenen, geltenden Systeme und deren Werte beeinflusst.

 

Dieser Mechanismus lässt jedoch eine Menge Spielraum offen für, bewusste oder unbewusste, Manipulationen und Täuschungen. Denn es ist auch kein Geheimnis, dass Inhalte welche bewusst unsichtbar bleiben sollen, am besten mit gängigen und gewohnten Formen überdeckt werden. Auf den ersten Blick ist es somit meist nicht ersichtlich, ob die eigene, innere Bewertung mit dem tatsächlichen Inhalt der äusseren Form übereinstimmt. 

 

Die Orientierung an der Form ist in dieser konkreten Realität notwendig, jedoch gleichermassen manipulierend, denn nichts ist schlussendlich wirklich so, wie es zu sein scheint. Die eigenen Instinkte und das Vertrauen darin sind hierbei unerlässlich und ein wertvolles Instrument, um die hinter den Formen liegenden Inhalte, auf eine andere Art und Weise wahrnehmen zu können.

 

In der unendlichen Vielfalt die eigenen Werte und Bewertungen bewahren zu können, dürfte gleichermassen wichtig sein, wie die eigenen, eingespielten Systeme und deren Inhalte hin und wieder kritisch zu hinterfragen. Das erkennen und lösen von überholten Formen und der dazugehörige Abschied fällt selten so leicht, wie die Blätter im Herbst und ist manchmal dennoch unumgänglich.

 

Seit Anfang März befindet sich Uranus nun endgültig für einige Jahre im Stier-Zeichen. Ich bin gespannt, inwiefern sich in den kommenden Jahren vielleicht auch das Bewusstsein für die Form und ihren jeweiligen Inhalt bzw. für dieses faszinierende Zusammenspiel verändern wird.